Themenpate

„Mit der Assistenz von Robotern vielen Menschen eine gute Arbeit ermöglichen.“

ZF: Herr Prof. Steil, welche Aspekte der Digitalisierung liegen Ihnen am Herzen?

S: Dass Sie alle Lebensbereiche betrifft, Arbeit und den privaten Bereich. In allen Bereichen haben wir mehr Maschinen und digitale Geräte, die uns Arbeit abnehmen, aber auch welche machen. Und mir ist wichtig, dass wir Handlungsfähigkeit bewahren müssen. Digitalisierung fällt ja nicht vom Himmel, sondern ist vom Menschen gemacht. Und darauf kann man Einfluss nehmen.

ZF: Welche Herausforderungen ergeben sich für den Einzelnen, um sich in dieser „neuen Welt“ zurechtzufinden?

S: Wir haben noch gar nicht richtig gelernt, mit Daten und dem, was sie bieten, umzugehen. Es gibt ganz neue Such- und Assistenzsysteme, die uns das Leben und die Arbeit und die Zusammenarbeit erleichtern und effizienter werden lassen. Internationale Kooperationen und Zusammenarbeit funktionieren zum Beispiel per Internet und Datenbanken viel besser als zu der Zeit, zu der ich mal angefangen habe. Allerdings bedeuten viel mehr Informationen auch mehr Druck, weil man viel mehr Projekte in kürzerer Zeit machen kann und muss.

ZF: Wie wird sich die Qualifizierung für den digitalen Arbeitsmarkt verändern?

S: Die Antwort ist nicht so einfach und sie ist auch umstritten: Ich bin mir nicht sicher, dass sich so viel ändern muss. Wir müssen herausfinden, welche Fähigkeiten wir lernen müssen und nicht an Roboter abgeben dürfen. Wir dürfen uns nicht auf die faule Haut legen und einfach nicht mehr lernen, was die Technik uns abnehmen kann. Zum Beispiel sollten wir im Kopf rechnen können, obwohl jeder ein Smartphone oder einen Taschenrechner dazu nutzen könnte, weil das eine wichtige Grundlage für viele weitere Alltagsfähigkeiten ist. Wir dürfen nicht verblöden. Wir brauchen grundlegendes Handwerk und eine Breite an Fähigkeiten. Wenn die Technik da den Standard setzt, verlieren wir die Fähigkeit, neue Dinge auszuprobieren. Andererseits haben wir Menschen grundsätzlich die Fähigkeit, uns schnell an Innovationen anzupassen, da habe ich keine Sorge.

ZF: Es heißt, jeder zweite Arbeitsplatz werde von digitaler Automatisierung betroffen sein. Das hieße ja, dass 50 Prozent übrigbleiben? Welche sind das?

S: Die Zahl geistert durch die Presse. Man muss unterscheiden: Geht es darum, dass Arbeitsplätze betroffen sind oder dass sie wegfallen. Im Grunde ist es so wie bei der Einführung der Elektrizität, von der fast 100 Prozent der Arbeitswelt betroffen war. Genauso kann ich mir kaum einen Arbeitsplatz vorstellen, der nicht betroffen sein wird von der Digitalisierung. Man muss aber nicht auf Arbeitsplätze, sondern auf Tätigkeiten schauen. Je mehr Fingerfertigkeit beispielsweise notwendig ist, desto weniger leicht kann man da automatisieren. Nehmen Sie eine Gartentätigkeit: Beim Ausbringen von Setzlingen wird möglicherweise ein Mensch künftig eine Maschine verwenden, die ihm sinnvoll hilft, beim Pflegen der Pflanzen ist es viel schwieriger. Umso individueller die Handgriffe aber sind, desto weniger wird man an Maschinen delegieren können. Ich glaube an hybride, kooperative Arbeit im Team Mensch-Maschine und weniger an das Wegrationalisieren von vielen Arbeitsplätzen.

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Prof. Dr. Jochen Steil
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ZF: Wenn Sie mal 10 oder 15 Jahre vorausschauen: Wie weit wird die digitale Revolution dann fortgeschritten sein?

S: Ich glaube nicht an die universale Überintelligenz, die dem Menschen alles abnimmt. Und man muss auch nicht glauben, dass automatisch durch Digitalisierung alles besser und einfacher wird. Wenn heute Maschinen Supermarktlager automatisch einräumen, wird die gleiche Technik nicht auch noch für Sie den Einkauf übernehmen. Es wird eher eine Vielfalt an Technik geben, die jeweils einen Teil der Arbeit übernimmt. Es gibt Grenzen im Fortschritt der künstlichen Intelligenz und das ist nicht so, dass sich das automatisch immer weiterentwickelt. Wir werden lernen, wo da die Grenzen sind, wo sich das gar nicht mehr rechnet. Und wir werden uns arrangieren mit dem Stand, den es dann gibt. Bislang denken wenige darüber nach, dass das auch Kosten verursacht. Im Privaten bezahlen wir die technologische Entwicklung mit unseren Daten, aber das wird am Arbeitsplatz nicht so einfach sein, da wir dort nicht entscheiden können, welche Daten wir zur Verfügung stellen. Wir stehen da am Anfang eines Prozesses, der Grenzen sichtbar machen wird. Aber wir müssen da auch politisch reagieren: Gewinne, die entstehen, müssen verteilt werden und wir müssen auch über ethische Standards nachdenken.

ZF: Woran kann sich eine solche Diskussion orientieren?

S: Wie gesagt: Digitalisierung passiert nicht von alleine. Wir müssen die Frage stellen: Wie können wir die Technik für die Menschen gestalten?

ZF: Deren Arbeitsplätze wegfallen?

S: Ich möchte sagen: Jein. Das wird auch passieren. Aber wir dürfen nicht eine schwarz-weiß-Diskussion führen. Das Konzept der menschenleeren Fabrik beispielsweise gibt es schon über zwanzig Jahre und es hat sich nicht bewährt. Das ist an der Wirklichkeit gescheitert, die sich häufig der Regelhaftigkeit entzieht. Und je sozialer die Welt, desto zahlreicher die Dinge, die nicht regelhaft oder schwer meßbar sind. Das Ziel muss sein, mit der Assistenz von Robotern vielen Menschen eine gute Arbeit zu ermöglichen. Ich bin da optimistisch: Wir werden viele gute Assistenten haben, aber es gibt auch Bereiche, die sich nicht leicht automatisieren lassen. Nehmen Sie beispielsweise die Automobilindustrie als Vorreiter der Automatisierung: Im Karosseriebau werden rund 90 Prozent der Tätigkeiten von Robotern erledigt. In der Montage sind aber bislang nur etwa zehn Prozent automatisiert. Das optimistische Ziel für die nächsten zehn Jahre ist dort, 50 oder 60 Prozent zu erreichen. Das heißt immer noch die Hälfte bleibt menschliche Handarbeit, sogar in einem sehr weit automatisierten und digitalisierten Bereich.

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