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„Ohne Transformationen keine Fortschritte“

Sozialhistoriker Professor Dr. Jürgen Kocka erklärt im Interview, wie frühere industrielle Revolutionen die Lebens- und Arbeitswelt verändert haben, welche Ängste die Menschen damals hatten und warum es gute Gründe gibt, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

ZF: Herr Professor Kocka, welche Parallelen sehen Sie, wenn Sie die Digitalisierung der Arbeitswelt mit früheren industriellen Revolutionen vergleichen?

K: Die größte Parallele gibt es mit der ersten Industriellen Revolution, die in unserem Teil Europas in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stattfand. Damals setzte sich die Fabrikarbeit mit Dampfkraft und Kraftmaschinen und immer komplizierteren Werkzeugmaschinen durch. Auch Lohnarbeit breitete sich in sehr großem Ausmaß aus. Gleichzeitig revolutionierte sich das Verkehrswesen mit der Eisenbahn und den Dampfschiffen und die Kommunikation mit dem Aufkommen des Telegrafen. Das war eine tiefgreifende Revolutionierung des Wirtschaftslebens mit großen Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Zustände.

ZF: Wie reagierten die Menschen damals auf den Wandel?

K: Das hatte verschiedene Dimensionen. Als in den 1830/40er Jahren in Deutschland die ersten Eisenbahnen aufkamen, hatte man beispielsweise Angst vor der Geschwindigkeit der Züge und sagte als Folge eine Gleichgewichtskrankheit voraus. Und das waren damals 20 bis 30 Kilometer pro Stunde. Viel größer war allerdings die Sorge vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit die Sorge vor dem Verlust der Überlebensmöglichkeit. Diese Ängste waren damals nicht unbegründet. Neue Technik bedrohte alte Tätigkeiten und ganze Berufe wurden massenhaft verdrängt, beispielsweise die Spinner und Weber, die Fäden und Stoffe in Heimarbeit herstellten. Sie konnten bald nicht mehr mit der viel produktiveren Fabrikarbeit konkurrieren. Ein anderes Beispiel sind Treidler. Das waren Leute, die Schiffe gegen die Strömung nach oben zogen, weil es damals noch keine Dampfkraft gab. Diese bisweilen unmenschlich harte Arbeit ist durch die Transformation obsolet geworden.

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Prof. Dr. Jürgen Kocka ist emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin, zu seinen Themenschwerpunkten gehört die Geschichte der Arbeit.
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ZF: Welche Vorteile haben Gesellschaften bisher durch Transformationsprozesse erfahren?

K: Erst die Industrialisierung führte dazu, dass die verbreitete Massenarmut des Pauperismus allmählich überwunden wurde. Damit wuchs auch die Lebenserwartung. Das war wohl die wichtigste mittelfristige Folge. Gleichzeitig gab es Fortschritte in der Gesundheitsversorgung sowie bei den Lebens-, Wahl- und Konsummöglichkeiten. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, wie beengt, armselig und risikoreich das Leben für die große Mehrheit der Bevölkerung unterhalb der wohlhabenden Oberschicht über die Jahrhunderte gewesen ist. Ohne die Transformationen wären diese Fortschritte nicht zustande gekommen.

ZF: Wodurch unterscheidet sich die Digitalisierung von früheren Transformationsprozessen?

K: Ich würde drei Dinge nennen. Erstens: Die heutige Transformation geht noch schneller vor sich als die früheren Transformationen. Zweitens: Die digitale Revolution hat eine eindeutig transnational-globale Erstreckung, während sich etwa die erste Industrielle Revolution eigentlich erst im 20. Jahrhundert weltweit ausgebreitet hat. Drittens: Wir haben heute eine viel lebendigere öffentliche Meinung durch die weit fortgeschrittene Medialisierung unseres Lebens. Damit wird der dramatische Umschwung, den auch die jetzige Transformation mit sich bringt, viel stärker bewusst und auch viel intensiver kritisiert als das in früheren Fällen der Fall war.

ZF: Wie wird die Digitalisierung die Arbeitswelt verändern?

K: Immer wenn durch den technologischen Wandel Arbeitsplätze in großer Zahl vernichtet wurden, entwickelte sich auch die Nachfrage nach neuen Formen von Erwerbsarbeit. Gegenwärtig ist das die qualifizierte Vorbereitung und Nachbereitung von Produktionsprozessen, die Beaufsichtigung von Produktion sowie neue Kontrollformen. Deshalb halte ich es auch nicht für wahrscheinlich, dass Arbeitsplätze insgesamt wegfallen. In den Bereichen Pflege und Kommunikation etwa werden neue Berufe entstehen. Gleichzeitig werden gewisse Kompetenzen aber auch ihre Gültigkeit verlieren. Das gilt für sehr viele Berufe, auch außerhalb der manuellen Tätigkeiten. Vor diesem Hintergrund wird Weiterbildung eine zentrale Rolle spielen, also die Bereitschaft des Einzelnen, ständig neu dazuzulernen. Die Ängste vor dem Arbeitsplatzverlust sind also nicht unberechtigt, dürfen aber nicht verabsolutiert werden. Wie das Beispiel des Treidlers zeigt, kann das Verschwinden von Berufen nicht nur etwas Bedrohliches an sich haben, sondern auch etwas Segensreiches. Und die Zerstörung von Arbeitsplätzen ist immer wieder durch die Entstehung neuer kompensiert worden. Meiner Ansicht nach spricht nichts für die Annahme, dass dieser nun seit mindestens zwei Jahrhunderten zu beobachtende Prozess der modernen Wirtschaftsentwicklung an sein Ende kommt.