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Ein intelligentes Biest, das Kunst herstellt

Computer stellen Texte, Rezepte, Filme und Gemälde her. Doch ist das bereits Kreativität? Oder vollziehen Rechner nur nach, was Programmierer ihnen vorgeben?

Die Besichtigung der Gemälde beginnt bei der City Series: Stadtansichten aus Hongkong, Havanna oder New York, gemalt – so jedenfalls macht es den Eindruck

– mal mit Kohle, mal mit farbigem Bleistifte oder mit Acryl. Die Bilder sind nicht ganz fotorealistisch, aber ein wenig wirken sie, als handle es sich um mit einer Handyapp bearbeitete Fotos. Im Beitext erklärt der Urheber, die Bilder seien in einer Lernphase entstanden, in der er bestimmte Maltechniken noch lernen musste: Das Simulieren von Tinte, Kreide oder Acryl, die Darstellung von Flächen und das Ausfüllen mit Farbe.

Der Maler ist aber nicht etwa ein Mensch. Die Ausstellung befindet sich nicht in einer Galerie, sondern im Internet. Und der Künstler stellt sich selber vor als „Painting Fool“ – Maltrottel –, ein Computerprogramm, entwickelt von dem Briten Simon Colton. Er ist Computerwissenschaftler und Professor für Computational Creativity an der Universität von London, jener Forschungsrichtung, die den Computern Kreativität beibringen will. Er hat das Projekt „Painting Fool“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, ein Software-System zu schaffen, das eines Tages „als eigenständiger kreativer Künstler ernstgenommen wird“.

Bildbeschreibung
Kunst vom Computer: „Chair mid“ heißt das Gemälde, das ein Roboterarm gepinselt hat.
Copyright thepaintingfool.com

Können Maschinen kreativ sein?

„Painting Fool“ ist eines jener ambitionierten Projekte, mit denen Wissenschaftler einen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Maschine zu ergründen suchen. Wo Roboter malen, Computer komponieren und Algorithmen sich in die Sphäre der Literatur begeben, geht es um die Frage: Können Maschinen kreativ sein? Oder vollziehen Rechner das nach, was Programmierer ihnen vorgeben?

Was die Unterscheidbarkeit der Kunst von Mensch oder Maschine angeht, hat der Kompositionscomputer Iamus, der an der Universität Malaga bereits eine Milliarde Songs in allen Genres und beliebiger Instrumentierung komponierte, bereits einen ersten Praxistest bestanden. Die britische Zeitung „The Guardian“ hatte fünf Musikwerke auf ihre Website gestellt und ihre Leser gefragt, welches wohl von einem Computer komponiert sein könnte. Gerade mal ein Viertel der Leser hielt das Werk von Iamus für computergeneriert, während ein Werk von Gustav Mahler von einem Drittel der Befragten für eine Maschinenkomposition gehalten wurde.

Gemalte Mathematik?

Gemalte oder vertonte Mathematik würden Kritiker das nennen. Die Diskussion, wie sehr oder ob überhaupt Computer kreativ sein können, zieht sich durch viele Bereiche kreativen Schaffens. Einig sind sich die Experten bei weitem nicht. Immerhin erfindet der Computer Watson von IBM heute Kochrezepte für – so heißt es – genießbare Kreationen. Das israelische Startup Wibbitz bietet eine Software an, die automatisch Nachrichtenvideos aus Texten, Videosequenzen, Fotos und einer automatisch generierten Stimme erstellt. Automatische Sport- und Wetterberichte werden bereits von dem US-amerikanischen Unternehmen Narrative Science angeboten. Die Programmierer hatten noch im Jahr 2012 ihren Software-Lösungen eine große Zukunft vorausgesagt: 2017, so hatten sie sich damals vorgenommen, würde ihr Programm den Pulitzer-Preis für herausragenden Journalismus gewinnen – Die Preisträger werden in der Regel Ende April bekanntgegeben.

Die Absicht dahinter ist entscheidend

Der Computer übernimmt Tätigkeiten, die bislang Menschen vorbehalten waren. Doch handelt es sich dabei schon um Kreativität? Die Absicht dahinter ist entscheidend, um von Kreativität sprechen zu können, sagt der Painting-Fool-Vater Colton. Ein Computer solle – so das Ziel – nicht allein ein Bild malen können, sondern sich etwas ausdenken, entwerfen, umsetzen und schließlich auch erklären können, warum er wie verfahren ist.

Colton hat den Painting Fool längst weiterentwickelt. Mittlerweile ist die Malsoftware in der Lage, Emotionen auf Bildern zu analysieren und auszudrücken. Die Software hat gelernt, traurige oder fröhliche Gesichter zu erkennen, sagt Colton. Malt der Painting Fool, inspiriert von diesen Vorlagen, dann dienen leuchtende Farben und feine Striche dem Ausdruck von Freude. Traurigkeit stellt er mit Pastellfarben, Kohle oder Grautönen dar.

Bildbeschreibung
„Sad“. Traurigkeit drückt der Painting Fool unter anderem mit Grau- und Pastelltönen aus.
Copyright thepaintingfool.com

Ein „intelligentes Biest“

Damit hat die Software zwar keine eigenen Emotionen, aber sie kann eine Vorstellung davon haben, was Menschen bewegt, und „Kunstwerke schaffen, die Leute berühren“. Schließlich wurde die Software um ein Werkzeug ergänzt, mit dem sie Artikel in Onlinezeitungen sichtet und diesen entsprechende Bilder aus dem Internet zuordnet. Zu einem Zeitungsartikel über den Afghanistankrieg malte der Painting Fool schließlich ein Bild mit Explosionen und Kampfflugzeugen.

Jetzt soll, so hat Simon Colton angekündigt, der Painting Fool ein weiteres Tool erhalten, „die Kommentare verfasst, warum er etwas getan hat. Im Falle eines Gemäldes wäre dies der Wandtext oder ein Essay über seine Motivation, wo er die Motive herhat, warum er bestimmte Malstile gewählt hat, begründen, was er tut … dies verbunden mit der Kunstgeschichte, der Gesellschaft insgesamt und der zeitgenössischen Kultur.“ Und er würde, so sagt Colton, „Dich überzeugen, dass ein intelligentes Biest dieses Kunstwerk hergestellt hat.“

Bildbeschreibung
… ein „intelligentes Biest“? Zur Darstellung von Freude nutzt der Painting Fool helle leuchtende Farben.
Copyright thepaintingfool.com