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„Wenn wir die richtigen Weichen stellen, steuern wir auf deutlich besser integrierte Lernmöglichkeiten zu.“

ZF: Frau Zweig, welche Aspekte der digitalen Bildung finden Sie wichtig?

Z: Bei digitaler Bildung bekommt ein Computer die Gelegenheit, uns beim Lernen „über die Schulter zu gucken“. Dadurch kann er uns individuell passende Lernmaterialien anbieten, aber auch Dinge über uns lernen, von denen wir nicht möchten, dass sie öffentlich werden. Zum Beispiel, ob wir schnell die Geduld verlieren oder keinen Dreisatz können. Es ist also wichtig, jedem zu erklären, was die Algorithmen hinter der digitalen Bildung alles können.

ZF: Was sind für Sie gelungene Beispiele digitaler Technologien in der Bildung?

Z: Mein Kollege lässt Schülerinnen und Schüler Experimente mit Smartphones machen, zum Beispiel indem man diese fallen lässt. Die eingebauten Sensoren liefern dann Daten, mit denen man die Gravitationskonstante berechnen kann. In den kleinen Hosentaschencomputern steckt tolle Sensorik. Der Plan beziehungsweise die Hoffnung ist, dass Schülerinnen und Schüler oder Studierende auch selbständig damit weiterexperimentieren. Also zum Beispiel mit dem Handy auswerten, wie schnell sie mit dem Fahrrad oder dem Mofa gefahren sind.

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Prof. Dr. Katharina Zweig
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ZF: Auf welche Innovationen in der digitalen Bildung freuen Sie sich besonders?

Z: Ich glaube, dass wir kleine Assistenten haben werden, die uns etwas beibringen. Und zwar immer dann, wenn wir es brauchen oder die Situation dafür günstig ist. So wie uns heute das Navigationsgerät Straßen anzeigt. Bei Handwerkern kann beispielsweise in einer speziellen Brille eingeblendet werden, was der nächste Arbeitsschritt ist. Das bedeutet natürlich auch, dass wir vieles gar nicht mehr lernen müssen. Zusätzlich können wir uns auf diesem Weg aber auch Wissen aneignen, das wir uns bewusst präsentieren lassen – zum Beispiel die Historie von Gebäuden oder die Namen von Sternbildern. Wir werden sicher weniger Faktenwissen brauchen als frühere Generationen. Dabei darf man trotzdem nicht vergessen: Lernen wird immer noch häufig am Schreibtisch stattfinden. Die neue bunte Welt wird so viel neuer und bunter auch nicht werden.

ZF: Egal ob am Schreibtisch oder unterwegs: welche Chancen bieten diese Entwicklungen für die Bildung?

Z: Sensorik und Algorithmik werden einen riesigen Unterschied bei allen machen, denen das Lernen nicht so leicht fällt oder die beim Lernen Hindernisse überwinden müssen. Zum Beispiel, wenn Computer in der Lage sind, Lerninhalte simultan in eine andere Sprache zu übersetzen. Bei Kindern, die nicht mit der Muttersprache Deutsch aufgewachsen ist, könnten Assistenzsysteme, die im Gespräch eine Vokabel einblenden oder etwas übersetzen, eine großartige Hilfe sein. Computer können auch funktionalen Analphabeten helfen und das situationsgerechte Lernen fördern. Immer da, wo sich Lese- und Schreibsituationen ergeben und gerade wenn der oder die Lernende noch unsicher ist, werden sie digital unterstützt. Wenn wir also die richtigen Weichen stellen, steuern wir auf deutlich besser integrierte Lernmöglichkeiten zu. Das schafft mehr Zugang für die, die bisher benachteiligt waren.

ZF: Machen digitale Technologien damit das Lernen auch individueller?

Z: Ja – und da wird es wieder kritisch und deshalb auch interessant. Nehmen wir ein Beispiel: Kinder im Physikunterricht der 7. Klasse. Darunter sind ein paar, die haben zehn Experimentierkästen. Sie verstehen nicht nur den Stoff, sondern sind geistig schon in der 9. Klasse angekommen. Der Großteil bewegt sich auf dem Niveau der 7. Klasse und dann gibt es noch ein paar Kinder, die wurden zuhause überhaupt nicht gefördert und verstehen die Aufgabenstellungen auch nicht besonders gut. In ungefähr zehn oder zwölf Jahren werden unsere Geräte Kindern, die schon weiter sind, auf der Basis ihres Verhaltens und ihrer Lösungen zusätzliche Experimente und Aufgaben vorschlagen. Der Teil der Klasse mit Schwierigkeiten bekommt gleichzeitig den Stoff eine Nummer einfacher präsentiert. Dann haben wir wirklich individualisiertes Lernen. Aber wir haben auch die Schwierigkeit, dass Noten dann nicht mehr vergleichbar sind. Wir müssen überlegen, wie damit umgegangen werden kann, wenn es zum Beispiel um Zulassungsbeschränkungen bei Studienfächern geht.

ZF: Wird das Lernen denn auch spielerischer werden?

Z: Ich hoffe nicht, dass wir das nötig haben. Mein Problem damit ist, dass die Kinder dabei durch äußere Motivation angespornt werden. Ich glaube aber, dass es hier der Selbsterkennung bedarf: „Erkenne dich selbst, erkenne deine Limitationen. Erkenne, warum es dir manchmal schwerfällt zu lernen, was du dagegen tun kannst und warum du trotzdem lernen solltest.“ Man muss Kindern meiner Meinung nach vor allen Dingen beibringen, wie wichtig es ist, für langfristige Ziele aus eigenem Antrieb die nötige Motivation aufzubringen.

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