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„Die Argumentationen ähneln sich sehr“

Romane galten den Pädagogen des 18. Jahrhunderts als gefährliche Literatur, die „Lesesucht“ hervorruft. Später wurden sie zu einem anerkannten Teil des Bildungskanons. Auch Comics standen im vergangenen Jahrhundert im Ruf, die Jugend zu verderben, als Graphic Novels werden sie heute gern ergänzend im Geschichts- oder Fremdsprachenunterricht eingesetzt. Für den Bildungshistoriker und Leiter des Leipziger Schulmuseums Dr. Thomas Töpfer zeigen sich in der aktuellen Diskussion um digitale Bildung ähnliche defensive Argumentationsweisen. Gegenüber neue Methoden und Medien gab es häufig Vorbehalte, nach einiger Zeit wurde ihr didaktisches Potenzial aber anerkannt. Töpfer plädiert dafür, angesichts der Fixierung auf den Nutzen und Nachteil digitaler Bildung die Kernfragen nicht aus dem Blick zu verlieren: Was soll in unserer Gesellschaft gelernt werden? Wie muss Unterricht unter gewandelten technischen Voraussetzungen stattfinden? Welche Folgen hat dieser Wandel für das Selbstverständnis und die Legitimierung von Schule als Ort zeitgemäßer Bildung?

ZF: Vorbehalte gegenüber Neuerungen in der Bildung gab es zu jeder Zeit. Welche Beispiele der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte fallen Ihnen dazu ein?

T: Ein klassisches Beispiel ist der Turnunterricht. Am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand das Turnen als eine Forms des männlichen Wettbewerbs, der körperlichen und geistigen Ertüchtigung, der von den Zeitgenossen in einen Zusammenhang mit dem „Kampf der Nation“ gegen die Napoleonische Herrschaft gestellt wurde. Zunächst wurde es aus den Schulen ferngehalten. Gegen das Turnen wurde nach 1820 geradezu eine Kampagne geführt, weil man erwartete, dass junge Menschen – damals meinte man damit ausschließlich junge Männer, denn Mädchen turnten nicht – damit zum revolutionären Geist angestachelt und ihrer Konzentrationsfähigkeit beraubt würden. Dass der Körper etwas ist, was man bilden kann, setzte sich erst allmählich durch. Die ursprüngliche revolutionäre „Gefahr“ des Turnens wurde gewissermaßen „gezähmt“ und als Schule der Disziplin und Kameradschaft in den Dienst des Obrigkeitsstaates gestellt. Wenn man in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts blickt, dann ist Turnen einer der ganz zentralen Unterrichtsgegenstände geworden. Über einen Prozess von einigen Jahrzehnten wandelte sich die Betrachtung also um 180 Grad.

Bildbeschreibung
Der Bildungshistoriker Dr. Thomas Töpfer ist Leiter des Leipziger Schulmuseums.
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ZF: Welche Parallelen gibt es in den Argumentationslinien? Der Turnunterricht galt als aufwiegelnd, Romane verursachten „Lesesucht“ – in der aktuellen Diskussion um digitale Bildung wird oft auf eine vermeintliche Verdummung oder auch „digitale Demenz“ hingewiesen.

T: Die Argumentationen ähneln sich tatsächlich sehr. Es handelt sich dabei um defensive, modernisierungsskeptische Haltungen, die in der Gesellschaft vorhanden sind und die auf den sozialen Raum Schule bezogen werden. Es gibt da noch weitere analoge Diskurse, etwa dass Menschen wegen des Internets und der Smartphones nicht mehr in direkten Austausch miteinander treten würden.

ZF: Welche Befürchtungen haben sich im schulischen Kontext im Nachhinein als besonders unbegründet herausgestellt?

T: Eigentlich fast alles hat sich als unbegründet erwiesen – jedenfalls in der apokalyptischen Form, in der es behauptet wurde. Ein anderes Beispiel des 20. Jahrhunderts ist die Koedukation (gemeinsame Bildung von Jungen und Mädchen). Das war ein riesiger Diskurs. Progressive Gruppen haben das experimentell ausprobiert, aber bis sie dann zum Mainstream wurde, hat es in Westdeutschland bis in die 60er Jahre hinein gedauert. Und es war immer Untergangsprophetie im Spiel. Da wurde der moralische Verfall heraufbeschworen. Mädchen und Jungen in einem bestimmten Alter zusammenzubringen war ja gesellschaftlich sanktioniert. Das galt natürlich nicht nur für die Schule. Aber die Argumente für die Koedukation waren gewichtig, es ging ja auch um die Frage: „Haben Mädchen den gleichen Zugang zu höherer Bildung?“ Am Ende gibt es bei allen Untergangsdiskursen den Punkt, an dem unabweisbar der Untergang nicht eingetreten ist.

ZF: Welche Perspektive haben Sie als Bildungshistoriker in der Debatte um digitale Bildung?

T: Ich wünsche mir, dass in der aktuellen Diskussion stärker unterschieden wird zwischen „Was wollen wir lernen?“, also den Inhalten, und „Wie sollen wir lernen?“, also den Wegen, Methoden und Medien. Diese Differenzierung wird leider überhaupt nicht gemacht. Spannend finde ich davon ausgehend die Fragen: Wie wird dem Umstand Rechnung getragen, dass von einem Wissensmonopol der Schule immer weniger die Rede sein kann? Wie muss Unterricht unter gewandelten technischen Voraussetzungen stattfinden, um nicht anachronistisch zu werden?

ZF: Der didaktische Nutzen der Digitalisierung sollte also Ziel unserer Überlegungen sein?

T: Absolut, und die Digitalisierung sollte auch schlichtweg zur Kenntnis genommen werden. Es gibt Schulen, die tun so, als gäben die Schülerinnen und Schüler ihren ganzen digitalen Alltag, ihre Kompetenzen, aber auch ihre Schwierigkeiten damit, an der Schultür ab. Manche sprechen gar Handyverbote aus. Wir haben jetzt eine Situation, in denen im Unterricht zum Beispiel eine Interpretation, eine Übersetzung oder ein Lösungsweg besprochen wird und sich dann Schüler melden und sagen: „Ich habe das hier aber ganz anders gefunden“. Wie geht man damit um? Das muss man nutzen. Wenn Lehrer oder Schulen hier abblocken, ist das kontraproduktiv. Es ist auch extrem demotivierend, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Es muss darum gehen, Kinder in die Lage zu versetzen, mit diesem ganzen Wissen, das ständig verfügbar ist und das man ihnen auch nicht wegnehmen kann, umzugehen. Wie sie Quellen selektieren, wie sie priorisieren, wie sie entscheiden können, ob etwas verlässlich ist. In einem immer vielfältigeren digitalen Wissenskosmos, in dem sich jeder äußern kann, ist das die zentralste Kompetenz überhaupt. Diese Überlegungen haben die Lehramtsausbildung erst in Ansätzen erreicht. Dabei wäre genau das sehr wichtig, um angehende Lehrerinnen und Lehrer konkret auf eine schulische Arbeits- und Lebenswelt vorzubereiten.