Die Themen

Prof. Dr. Katharina Zweig – ein neues Lehren, Lernen und Leben

Das größte Potential für die Bildung liegt in der Personalisierung des Lernens und Lehrens: in Forschungslaboren überall auf der Welt ist schon erkennbar, welchen Einblick Computer bekommen können, wenn Lernende sich mit smarten Brillen und anderen Sensoren ausstatten. Schon heute könnten wir damit Auszubildenden ohne ausreichende Deutschkenntnisse in allen Bildungsstufen zum Beispiel Wörter in ihrer Muttersprache einblenden, um unterbrechungsfrei Zugang zu Aufgaben und Informationen sicher zu stellen. Mit Hilfe der Sensoren können Computer lernen, welche Aufgaben Schüler stressen, auf welche Art und zu welchen Zeiten sie am besten neuen Lernstoff aufnehmen können und wann sie besser eine Pause machen sollten. Es ist gut denkbar, dass Computer mit diesen neuen Informationen auch anspruchsvoller als nur durch reine Ankreuztests herausfinden können, was eine Schülerin oder ein Schüler wirklich verstanden hat. Von da aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt dahin, den Computer auch mit auswählen zu lassen, was der oder die Lernende als Nächstes lernen sollte. Per Algorithmus können so ganz individuelle Lehrpläne erstellt werden, der Lehrer und die Lehrerin helfen nur noch im Notfall: Inklusion und Hochbegabtenförderung können so nebeneinander im selben Raum stattfinden.

Bildbeschreibung
Algorithmen ermöglichen in Zukunft immer komplexere, individuelle Bildungsangebote.
Copyright McIek / Shutterstock.com

Viele Fragen

Doch diese positive Vision wirft auch viele Fragen auf: wo landen die Daten, die auf diese Art und Weise gewonnen werden? Haben Arbeitgeber ein Recht auf diese Daten, wenn sie Weiterbildung bezahlen? Kann ein Algorithmus verklagt werden, wenn er einem Kind die Hochschulreife versagt und stattdessen immer nur mit Inhalten aus der Hauptschule versorgt? Wer stellt die Qualität von IT-Systemen im Bildungsbereich sicher? Wird es noch klassische Ausbildungsberufe geben oder muss jeder Mensch sich selbst – gemeinsam mit einem digitalen Bildungsassistenten – sein ganz persönliches Bildungsportfolio zusammenstellen? Wer baut die IT-Systeme und wer legt damit die Lehrinhalte fest?

Worauf es ankommt

Mir als Wissenschaftlerin ist es am Wichtigsten, dass bildungsunterstützende Systeme von Anfang bis Ende und jederzeit in ihrem Einsatz durch Experimente begleitet werden, die feststellen, ob uns diese Systeme wirklich bestmöglich unterstützen. Dass es klare Qualitätsrichtlinien gibt, die dafür sorgen, dass die Systeme kontinuierlich nachgebessert werden. Und dass wir uns als Gesellschaft darauf einigen, was uns am wichtigsten ist: Das durchoptimierte, kostengünstige Gesamtbildungssystem? Bestmögliche Förderung für den Einzelnen? Ein System mit der höchstmöglichen Durchlässigkeit für alle Bildungsschichten? Denn selbst in der digitalisierten Welt wird es nicht möglich sein, diese und weitere, mögliche Ziele spannungsfrei miteinander zu vereinen.

Ein neues Lehren, Lernen und Leben wartet auf uns in der digitalen Welt und es warten wunderbare Chancen, aber auch einige Risiken auf uns. Daher ist es höchste Zeit darüber zu diskutieren, wie diese Welt aussehen soll.