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Komm, wir teilen einen Job!

Viele Menschen wollen beruflich kürzer treten, um mehr Zeit für die Familie oder eigene Projekte zu haben. Doch eine Teilzeitstelle ist oft mit weniger Verantwortung und weniger komplexen Aufgaben verbunden; häufig bedeutet sie auch einen Rückschritt auf der Karriereleiter. Ein Ausweg könnte das Jobsharing sein.

„Bloß keine Teilzeitstelle“, dachte sich Annika, als sich ihre Elternzeit dem Ende zuneigte. Zu oft hatte sie von Bekannten gehört, die sich dadurch im Job unterfordert fühlten. Nils hingegen musste sich plötzlich um einen Pflegefall in der Familie kümmern. Die beiden Vertriebsexperten fanden schließlich gemeinsam eine neue Stelle bei einem mittelständischen Fachgroßhandel – wenn auch erst nach langer Suche. „Viele Personalchefs waren bestimmt verwirrt, als sie unsere gemeinsame Bewerbung auf Einzelstellen lasen“, vermutet Annika.

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Jobsharing heißt auch: viele Absprachen treffen
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Denn hierzulande ist Jobsharing zwar seit vielen Jahren rechtlich möglich, aber noch vergleichsweise wenig bekannt. Entsprechend selten wird das Modell in der Praxis genutzt. Die Universität Köln startete 2013 ein Jobsharing-Projekt für ihre Führungskräfte aus Wissenschaft und Verwaltung. Und laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung ist Jobsharing sogar für Ärztestellen geeignet.

Annika und Nils teilen sich inzwischen eine Stelle in der Vertriebsleitung und nehmen dadurch weniger Gehalt in Kauf. Der Vorteil gegenüber der klassischen Teilzeitstelle ist aber, dass sie weiter auf dem beruflichen Niveau vor ihrer beruflichen Veränderung tätig sein können. Gleichzeitig trägt jeder von ihnen gegenüber Vorgesetzten die Verantwortung für die Arbeitsergebnisse – auch die des anderen. Für sich selbst geradestehen muss jeder Arbeitnehmer, doch die zweifache Zuständigkeit kann den persönlich empfundenen Druck noch einmal deutlich erhöhen. Neben einem höheren Abstimmungsaufwand der beiden untereinander ist daher auch das Zwischenmenschliche besonders wichtig.

„Annika und ich kennen uns schon seit der Ausbildung und verstehen uns hervorragend – mit jemand anderem könnte ich mir Jobsharing nur schwer vorstellen“, erklärt Nils. Denn gerade in Führungspositionen teilen sich Jobsharer die damit verbundene Verantwortung. Das erschwert die Entscheidungsfindung im Vergleich zu einer Einzelstelle. Denn beide müssen gemeinsame Entscheidungen treffen und diese geschlossen nach außen vertreten.

Bei aller zeitlichen Flexibilität für die beiden ist das Modell des Jobsharings wiederum unflexibler als Einzelstellen, da nicht nur ein toleranter Arbeitgeber, sondern auch ein gleichgesinntes Teammitglied gefunden werden muss.

Die beiden Vertriebsfachleute Annika und Nils jedenfalls sind sehr zufrieden mit ihrem Jobsharing-Modell. Beide können dadurch ihren familiären Verpflichtungen nachkommen. Viele Jobsharer nutzen zudem die gewonnene Zeit für kreative Nebenprojekte – was nicht nur die eigene Zufriedenheit steigert, sondern oft spannende Impulse für die eigentliche Arbeit bringt.

Auch für die Firmen selbst kann das Modell Vorteile bieten. Wenn sich zwei Menschen eine Stelle teilen, können Urlaub und Fehlzeiten durch Krankheit organisatorisch besser aufgefangen werden.

(Hinweis: Die Personen Annika und Nils dienen der Illustration, ihre Geschichte basiert auf verschiedenen Erfahrungsberichten mit der Praxis des Jobsharings)