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Sharing Economy

„Share“ – nicht nur ein Button für Inhalte in sozialen Medien, auch handfeste Güter und Dienstleistungen lassen sich über virtuelle Plattformen gut teilen. Die „Sharing Economy“ verändert die Märkte und auch die Gesellschaft.

Helga aktiviert hektisch das GPS ihres Smartphones. Eigentlich wollte sie in einer halben Stunde beim Bewerbungsgespräch sein. Doch die S-Bahn ist ausgefallen! Schnell sucht sich die Berlinerin per App ein Auto. Und sie hat tatsächlich Glück: Nur ein paar Straßen weiter steht ein freier Wagen, mit dem sie die rund fünf Kilometer zum potenziellen Arbeitgeber fahren kann.

So wie Helga machen es mittlerweile über eine Million Deutsche: Nach Angaben des Bundesverbands Carsharing waren am 1. Januar 2016 bei allen Anbietern zusammen 1,26 Millionen Autofahrerinnen und Autofahrer registriert, in 537 Städten und Gemeinden standen die Leihwagen zur Verfügung. Das Carsharing gehört zu den bekanntesten Beispielen für die „Sharing Economy“, ist aber nur eine Facette dieses Begriffs: Wer via App ein Leihauto (oder -fahrrad) sucht, greift in der Regel auf die Fahrzeuge kommerzieller Unternehmen zurück, deren Service er als Gegenleistung mit Geld und/oder Daten bezahlt.

„Sharing Economy“ umfasst neben dieser klassischen Interaktion zwischen Kundschaft und Unternehmen (Fachbegriff: Business to Customer; B2C) aber auch das Bücherausleihen in der Bücherei (Fachbegriff: Government to Customer; G2C), die Nachbarschaftshilfe über Tauschringe im Internet (Fachbegriff: Peer to Peer; P2P), bestimmte Formen von Leiharbeit und Leasing (Fachbegriff: Business to Business; B2B) oder private Vermietungsgeschäfte über Airbnb und Co, wo die Plattformbetreiber durch Provisionen an den Privatgeschäften mitverdienen. Das gemeinsame, zugrundliegende Prinzip lautet: Die Räume, Güter und Dienstleistungen werden nicht nur einmal verliehen oder bereitgestellt, sondern systematisch mit den anderen geteilt beziehungsweise getauscht.

Die „Sharing Economy“ sorgt für Veränderung – wirtschaftlich wie gesellschaftlich: Flexible, immer erreichbare Sharing-Anbieter setzen mit Schnelligkeit und individualisierten Angeboten Geschäftsmodelle stark unter Druck, etwa in der Hotellerie und dem Autohandel: Autokäufer werden zu Automietern, Hotelbetten bleiben leer. Wikipedia wiederum hat nicht nur die Märkte für gedrucktes Wissen verändert, sondern steht auch für den freien Zugang zu Wissen und Technologie, um den sich eine eigene soziale Bewegung formiert hat: die Open Source Bewegung.

Bildbeschreibung
Carsharing ist das bekannteste Angebot der Sharing Economy.
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„Sharing Economy“ kann aber, als Ideal wie als Geschäftsidee, auch scheitern: Das Startup Why own it? steckte von 2012 bis 2014 viel Energie in eine App zum kostenfreien Ver- und Entleihen im Freundes- und Bekanntenkreis. Der Elan war groß, die Presse begeistert – aber keiner wollte etwas geben, alle wollten nur etwas haben. Die Macher gaben 2015 desillusioniert auf.

Helga aus Berlin steht so gesehen für beides: das Potenzial und die Grenzen der „Sharing Economy“. Ihre eigene Wohnung würde sie nur ungern Fremden zur Verfügung stellen, vom Carsharing ist sie aber sehr überzeugt. Zum Bewerbungsgespräch kam sie jedenfalls pünktlich. Und vergleichsweise günstig.