Themenpate

„Oft ist es eine Mischung aus Bequemlichkeit und Sparsamkeit“ – Prof. Dr. Harald Heinrichs über Triebkräfte in der Sharing Economy

Der Themenpate des ZukunftsForums „Tauschen, Teilen, Selbermachen“ Prof. Dr. Harald Heinrichs erforscht die Sharing Economy schon lange. Im Interview erklärt er, warum manche Bevölkerungsgruppen mit der Sharing Economy mehr anfangen können als andere.


ZF: Herr Heinrichs, wann haben Sie das letzte Mal etwas getauscht, geteilt oder selbstgemacht?

H: Ich nutze regelmäßig Bikesharing, weil wir kein Auto mehr haben. Ich wohne in Hamburg und pendle nach Lüneburg. Die letzten 15 Minuten vom Lüneburger Bahnhof bis zur Uni lege ich gerade im Sommersemester gerne mit dem Rad zurück.

Das Selbermachen fällt bei mir weitestgehend aus, da ich handwerklich unbegabt bin. Von daher bin ich eher froh, wenn Freunde mit der Bohrmaschine vorbeikommen.

Wenn ich Lebensmittel im Kühlschrank habe und wegfahre, dann stelle ich das nicht etwa bei Foodsharing-Plattformen ein, sondern gebe es unserem Nachbarn, einem älteren Herrn. Er hat nicht viel Geld und freut sich immer, beispielsweise über Schinken. Nebenbei bemerkt würde ich sagen, dass dieses „kleine Tauschen und Teilen“ zwischen Nachbarn in der Diskussion um die Sharing Economy in den letzten Jahren zu wenig beachtet wurde.

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Harald Heinrichs auf dem ZukunftsTag
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ZF: Tauschen und Teilen ist also nicht erst ein Phänomen der Sharing Economy, sondern wird von jeher auf kleiner Basis praktiziert?

H: Genau – und zu bestimmten Zeit ausgeprägter als heute, beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg, als Mangel herrschte. Man sieht ja auch derzeit in krisengeplagten Ländern wie Griechenland, dass dort selbstinitiierte Netzwerke zum Tauschen und Teilen entstanden sind. Neu sind Varianten wie beispielsweise Bikesharing oder Wohnungsvermittlungsplattformen. Durch die Digitalisierung und Apps sind gerade die kommerziellen Angebote in Sachen Bedienung und Zugang einfacher geworden und haben sich verbreitet.

ZF: Woher kommt der digital getriebene Trend zum Tauschen, Teilen und Selbermachen?

H: Das, was wir unter dem Label „Sharing Economy“ seit circa vier Jahren kennen, entstand etwa 2009 im Silicon Valley, etwa zur gleichen Zeit, als mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers die Wirtschaftskrise begann. Drei Faktoren haben die Entwicklung der Sharing Economy geprägt: Der Boom mobiler Kommunikationstechnologie ab 2005, kritische Diskussionen über Konsum und Lebensqualität im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise sowie Debatten über nachhaltiges Wirtschaften.

ZF: Hat also ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel stattgefunden?

H: Unsere Studien haben gezeigt, dass gerade in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung – etwa 75 Prozent – ein hohes Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein und auch hohe Erwartungen an die soziale Verantwortung von Unternehmen hat. Das heißt aber nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung bewusst Sharing-Angebote nutzt, um die Welt zu retten.

Stattdessen kann man von vier verschiedenen Gruppen sprechen. Zwei davon sind weit entfernt von der Idee des Tauschens, Teilens und Selbermachens: Die einen sind die „postmateriellen Shopper“, die also wenig Wert auf Materielles legen, aber dennoch individuell konsumieren und besitzen wollen. Die andere distanzierte Gruppe haben wir die „Basiskonsumenten“ genannt. Sie stammen eher aus bildungsfernen Schichten und da sie wenig haben, ist ihr vorrangiges Ziel, etwas zu besitzen und zu konsumieren anstatt zu tauschen und zu teilen. Diese beiden Gruppen sind also dem Thema gegenüber eher reserviert eingestellt und machen zusammengenommen knapp über 60 Prozent der Bevölkerung aus.

Zwei andere Gruppen sind dagegen sharing-affin. Zur einen gehören junge Leute mit höherem Bildungsniveau, die im städtischen Umfeld leben und durchaus Carsharing oder Wohnvermittlungsplattformen nutzen. Bei dieser Gruppe, die etwa 25 Prozent ausmacht, kommen die vorher genannten Faktoren Digitalisierung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit als Antrieb zusammen. Dann gibt es noch eine kleinere Gruppe von 14 Prozent, die wir die „Konsumpragmatiker“ getauft haben. Das sind Do-It-Yourself-Menschen, die sich gerne mal Werkzeug leihen, beispielsweise über Internetplattformen. Sie haben gemerkt, dass sie sparen können – oder sogar Geld verdienen – indem sie beispielsweise ihr Auto anderen Privatleuten zur Verfügung stellen. Auch ihre Motivation besteht nicht darin, die Welt zu retten.

ZF: Zusammengefasst könnte man also sagen, dass die meisten die Sharing Economy nicht aus altruistischen Motiven nutzen, sondern eher pragmatisch und eigennutzorientiert?

H: Die Mehrheit der Bevölkerung praktiziert dieses Tauschen, Teilen und Selbermachen nicht exzessiv. Zum anderen macht es die Mehrheit nicht primär aus Gründen der Nachhaltigkeit. Die Gründe sind vielfältig, oft ist es eine Mischung aus Bequemlichkeit und der Motivation, Geld zu sparen oder zu verdienen.

ZF: Wie könnte sich das weiterentwickeln?

H: Ich war von Anfang an nicht der Meinung, dass wir vor einer großen Revolution stehen. Aber die Sharing Economy wird sich weiter entfalten, weil erkennbar ist, dass es doch viele Menschen gibt, die die kommerziellen oder die nicht-kommerziellen Varianten nutzen.

Ob sich das Tauschen, Teilen und Selbermachen sehr breit und stark verbreitet, wird sicher auch davon abhängen, wie aktiv es von der Politik als ein möglicher Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften unterstützt wird. Politik kann durch Rahmenbedingungen sehr konkrete Zeichen setzen. Die kommerziellen Angebote müssten etwa durch angemessene Regulierung gestaltet werden. Und Städte könnten Flächen zur Verfügung stellen, wo Menschen beispielsweise in Vereinen organisiert Gemeinschaftsgärten betreiben können. Politik und staatliche Institutionen können also förderlich und unterstützend wirken.

Erfahren Sie hier mehr über Harald Heinrichs.