Geschichten aus der Zukunft

Lokal handeln – global kooperieren: Frugale Innovationen 2030

Bildbeschreibung
Eine Interpretation der neuen Strukturen der globalen Innovationslandschaft von morgen.*
Copyright BMBF/Heyko Stöber

Leonie arbeitet als Elektroingenieurin bei einem mittelständischen Hersteller von Medizintechnik. Ihr erstes größeres Projekt nach dem Studienabschluss führt sie 2030 als Entwicklungsingenieurin für drei Jahre nach Asien. In einem Tagebuch schildert sie ihre persönlichen Eindrücke.


"Was ich hier soll, habe ich gefragt, als man mich herschickte. Mich mit hiesigen Elektroingenieuren vernetzen, hieß es, das Land kennenlernen, die Kunden. Und dann gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen Produkte entwickeln, die vor Ort gebraucht und gekauft werden – und zwar in der Qualität, für die unsere Firma steht.

Aber wir haben doch tolle Produkte, meinte ich. Wir sind Weltmarktführer, in der Fachpresse werden wir gelobt. Und wir verkaufen auch schon in ganz Asien. Ja, hieß es, aber mit leidlichem Erfolg. Wir waren bisher nur in den Ballungszentren mit unserem Vertrieb. Dazu kam, dass an unseren Produkten, die „zu Hause“ so tadellos funktionieren, in Asien plötzlich Defekte auftraten, die wir gar nicht kannten. Offensichtlich benutzt man die Sachen in Asien anders.

Dazu kommen die asiatischen Billiganbieter, die alles, was wir auf den Markt bringen, nach kürzester Zeit viel preiswerter verkaufen – wenn auch in schlechterer Qualität. Dazu sparen sie sich den Großteil des Services und prompt haben sie einen kaum aufholbaren Wettbewerbsvorteil. Dass die Konkurrenzprodukte bedeutend häufiger ausfallen, ist ein zusätzliches Problem. Der Kunde merkt sich so etwas und bezieht es dann auf die ganze Produktkategorie. Das Interesse geht allgemein zurück und nach wenigen Jahren ist der Markt verbrannt.

Unser Know-how trifft dabei auf das Wissen von ortsansässigen Elektroingenieuren.

Aber wir machen es jetzt anders – andere haben uns das vorgemacht: Wir entwickeln jetzt direkt vor Ort mit einem eigenen Team. Unser Know-how trifft dabei auf das Wissen von ortsansässigen Elektroingenieuren. Und die kennen die örtlichen Einschränkungen genau. Sie wissen, wie die Nutzerinnen und Nutzer das Produkt einsetzen und bedienen wollen.

Wir haben ziemlich schnell bemerkt, dass unsere zentrale Schwachstelle die multifunktionalen, aber dadurch sehr komplexen Netzteile waren. Die Lösung: frugale Innovation. Für mich auch ein neues Konzept, aber sofort einleuchtend: Wir reagieren kreativ auf die lokalen Beschränkungen bei der Ressourcenverfügbarkeit und kommen so zu technisch simplen, preiswerten und robusten Produkten. Unsere neuen Netzteile kommen jetzt mit einem Zehntel an Bauteilen aus und sind speziell auf die örtlichen Spannungsschwankungen, das subtropische Klima und die deutlich höhere Nutzungsintensität ausgelegt.

Unsere Kooperation wird dabei sogar von öffentlicher Seite in einer binationalen Initiative unterstützt. Natürlich auch mit dem Ziel, die hiesige Wortschöpfung zu erhöhen. Für mich ist das nicht immer einfach, ich muss die eingeschränkten Produktionsmöglichkeiten bei der Konstruktion berücksichtigen. Aber was ich dabei lernen und erleben kann, ist einfach unglaublich! Wir beschäftigen uns mit völlig neuen Konstruktionsformen, die ich so weder im Studium noch in meinem Unternehmen kennengelernt habe. Ganz wichtig sind dabei die praktischen Erfahrungen meiner asiatischen Teammitglieder. Im besten Fall können wir das neue Produkt dann auch in anderen Ländern mit einer fragilen Netzinfrastruktur vermarkten.

Mir gefällt diese Art der Projektarbeit in einem internationalen und interkulturellen Team.

Das klingt jetzt vielleicht sehr romantisch, aber so eine spannende Zeit wie hier habe ich noch nie erlebt. Mir gefällt diese Art der Projektarbeit in einem internationalen und interkulturellen Team. Im Geheimen könnte ich mir nach dem Projektende in Asien die Leitung eines vergleichbaren Projekts in einem afrikanischen Land gut vorstellen. Meine Erfahrungen könnten dort helfen, frugale Innovation zu implementieren. Aber da muss natürlich mein Unternehmen mitspielen. Außerdem habe ich hier einen Partner gefunden – aber der ist glücklicherweise genauso reisefreudig wie ich."


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*Die Zukunft können wir nur skizzieren: Diese Illustration zeigt, wie der Künstler Heyko Stöber die neuen Strukturen der globalen Innovationslandschaft von morgen interpretiert. Entstanden ist die Illustration im Rahmen eines Foresight-Kreativworkshops.