Geschichten aus der Zukunft

Deutschland Selbermachen: WerkRäume 2030

Bildbeschreibung
Illustration zur Rolle der Zivilgesellschaft im künftigen Innovationssystem.*
Copyright BMBF/Heyko Stöber
Ein Morgen im Leben von Tinka, der Gründerin eines WerkRaums, in dem Nachbarschaftshilfe ganz konkret gelebt wird. Hier vernetzen sich Menschen jeden Alters, um Dinge selber zu machen. Sie arbeiten mit Leidenschaft an ihren Projekten.

Im Gang riecht es nach Kaffee, und Tinka grinst, als sie die Tür zum WerkRaum öffnet. Die Mädels aus der Schule nebenan haben es endlich geschafft – der KaffeeBot funktioniert. Sanft blinkend zeigt er seine Arbeitsbereitschaft an, offensichtlich haben die jungen Selbermacherinnen das Problem mit dem optischen Sensor gelost. „Gleich Kaffee machen“, denkt Tinka und bemerkt, dass schon genug da ist – die Schülerinnen haben den Bot mit dem WerkRaum-Kalender gekoppelt. Er wusste also, dass heute eine größere Gruppe kommt.

„Kalender, erinnere mich daran, den Bauplan des KaffeeBots online zu stellen. Oder mach es gleich selbst!“, sagt Tinka. „Aber gerne“, flötet das System. Tinka stutzt und lächelt beeindruckt. „Die Kommunikationsfunktion des Kalenders haben sie auch neu programmiert. Dafür, dass die vier erst ‚keinen Bock‘ auf den Werkunterricht hatten, sind sie jetzt echt engagiert“, freut sie sich.

Glücklicherweise ist die Nutzung der WerkRaum-Datenbank mittlerweile gut geregelt.

Tinka macht ihre Runde und schaltet die Nähmaschinen ein. Heute sollte der Maschinenplatz ausreichen, hat sie doch gestern zwei kaputte Maschinen wieder in Betrieb nehmen können. In beiden fehlten nur zwei Zahnräder, die sie mit ihrem 3D-Drucker schnell nach einer Vorlage aus der virtuellen WerkRaum-Bibliothek angefertigt hat. Glücklicherweise ist die Nutzung dieser Datenbank mittlerweile gut geregelt. Noch vor einigen Jahren gab es oft Ärger wegen vermeintlicher Verletzungen von Schutzrechten. Als Betreiberin eines zertifizierten WerkRaums hat Tinka jetzt kostenlosen Zugriff, und ihre Kunden können aus den Downloads ihrer Designs ein wenig Geld verdienen. Einigen ist es inzwischen sogar möglich, mit Eigenkreationen und Ersatzteilfertigung ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Es klopft am Fenster, es ist ihr Stammkunde Ralf, der als einer der Ersten den Wert des Werk-Raumes für nachhaltiges und ökologisches Handeln erkannt hat. Tinka öffnet das Fenster. „Kann ich dir meinen Toaster zum Reparieren hierlassen? Der Toast springt raus, aber fast drei Meter hoch“, lacht Ralf.

Es waren Nachbarn jeden Alters, die strickten, nähten oder Kuckucksuhren bauten.

Gerade Leute wie Ralf achten bei der Wahl ihres WerkRaums auf die Zertifizierung „Grüner Werk-Raum“, für die Tinka Schalldämmungen einbauen hat lassen und damit sogar den Öko-Fußabdruck der ganzen Nachbarschaft hat reduzieren können. „Wer hätte je gedacht, dass ich 2030 schon so etabliert bin“, denkt sie. „Vor fünf Jahren stand ich hier allein mit meinen als Technikfreaks verschrienen Selbermach-Enthusiasten und habe an Platinen rumgebastelt. Wir sahen uns ja selbst als eine exklusive Tech-Community.“ Schnell wurde aber klar, dass viele Menschen ihre Leidenschaft teilten, Dinge selbst zu machen. Es waren Nachbarn jeden Alters, die strickten, nähten oder Kuckucksuhren bauten – die Umweltaktivisten und die programmierenden Senioren. Inzwischen gehen hier alle ein und aus und lernen voneinander.

Endlich kommt auch Axel, der die Schneidergruppe des WerkRaums koordiniert. Er freut sich über den fertigen KaffeeBot. Axel und Tinka kennen sich lange und haben sich schätzen gelernt. Aber zu Beginn war es für beide nicht einfach zusammenzukommen. Axel erinnert sich, wie fremd er sich damals in Tinkas „Technowelt“ fühlte. Als Sozialpädagoge hatte er im Auftrag der Kirchengemeinde nach einem Begegnungsort für Jung und Alt gesucht und dabei vage gehofft, sein Hobby, das Schneidern, einbringen zu können. Dass die Seniorengruppe jetzt mit den coolen Mädchen aus der Nachbarschaft um die Wette schneidert, hätte er sich damals nicht träumen lassen. Tinka zieht sich jetzt in ihr Photonik-Labor zurück, denn bevor sie zu nähen anfängt, muss es wohl 2040 werden.


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*Die Zukunft können wir nur skizzieren: Diese Illustration zeigt, wie der Künstler Heyko Stöber die Rolle der Zivilgesellschaft im künftigen Innovationssystem interpretiert. Entstanden ist die Illustration im Rahmen eines Foresight-Kreativworkshops.